MAGAZIN

Gegen das Wintergrau. Sehnsucht nach Farbe im Garten.

Von Ina Sperl

Der Himmel Das Meer

Der Himmel, das Meer. Blau verspricht Weite, sphärische Tiefen, optisch hervorgerufen durch zarte Blütenblätter. Doch ein reiner Farbton, klar wie der Enzian am Bergsee, ist schwer zu bekommen im Pflanzenreich - zumindest unter den kultivierten Stauden. Persischer Ehrenpreis im Rasen oder die Wegwarte zeigen, was bei Wildpflanzen alles möglich ist. In der Romantik stand die blaue Blume für Liebe, Sehnsucht und Unendlichkeit. Generationen von Rosenzüchtern versuchten vergebens, eine wirklich blaue Sorte zu erschaffen, gelungen ist das erst vor wenigen Jahren in Japan durch Gentechnik, und auch hier ist der Ton eher dezent.

Karl Foerster widmete blau Blühendem Anfang der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gar ein ganzes Buch. „Blau ist die Farbe der ewigen Hoffnung, so wie Lila Farbe der gefestigten Resignation ist“, schrieb der Gärtner. In der Traumdeutung wird die Farbe Blau mit Resignation in Verbindung gebracht, vielleicht aber auch deshalb, weil vieles, was blau bezeichnet wird, eher ins Violette spielt. Immerhin: Foerster bereicherte die Staudenwelt um unschlagbare Töne wie den des Rittersporns ‚Blauwal.

Die Netzblattiris (Iris reticulata) bringt an kalten Tagen, früh im Jahr, ein klares, strahlendes Blau hervor, und der Staudenlein (Linum perenne) im Sommer ein wunderbares Himmelblau. Darf es etwas spektakulärer sein, wird der Blauweiderich (Veronica) ‚Hermannshof‘ gepflanzt, der von Juni an lange schlanke Kerzen bekommt. Der Salbei (Salvia farinacea x longispicata) ‚Indigo Spires‘ weist ein klares Dunkelblau auf, und zwar nicht nur in der Blüte, sondern auch im Stengel. Der Salbei blüht von Mai an und kann am geeigneten Ort – volle Sonne und gut durchlässiger Boden – bis zu einen Meter hoch und breit werden. Wo das Klima mild und feucht ist, gedeiht der blaue Scheinmohn (Meconopsis) aus dem Himalaja, dessen zarte Blütenblätter himmelblau sind. Eine beinahe anderweltliche, ins Ultraviolette spielende Farbe haben Prunkwinden, ehe sie am Nachmittag, wenn sie welken, tatsächlich violett werden.

Von vornherein bläulich-lila oder rötlich-violett sind Glockenblumen aller Art, einen besonders kräftigen Ton hat die Knäuelglockenblume (Campanula glomerata) ‚Dahurica‘, die niedrig bleibt und im Sommer ihre Knospen öffnet. Die Schönheit von Kartoffelblüten, ganz ohne spätere Ernte, bietet der Enzianstrauch (Lycianthes rantonnetii), der von Mai an bis in den frühen Herbst hinein blüht. Am besten wird er in einem Kübel gezogen, denn er braucht ein frostfreies Winterlager. Im Mai bereichert auch der pompöse Zierlauch (Allium) ‚Purple Sensation‘ die Beete. Andere violette Zwiebelpflanzen rahmen die Saison ein: der zarte Elfen-Krokus (Crocus tommasinianus) und die Herbstzeitlose (Colchicum).

Aufdringliches Orange

Bei Rosa ist das Spektrum groß. Als verspielt und romantisch gilt die Farbe, die sich gut mit allen möglichen anderen Tönen kombinieren lässt. Babyrosa Etagenprimeln (Primula japonica ‚Apple Blossom‘), altrosa Sterndolden (Astrantia major ‚Roma‘), bonbonfarbene Phlox-Sorten wie ‚Bright Eyes‘ oder intensivstes Magenta wie die Kronen-Lichtnelke (Silene coronaria) decken die Zeit von Frühjahr bis Spätsommer ab. Im September kommen Herbstanemonen wie die Sorte ‚Serenade‘ dazu. Rosa Blättchen, die aussehen wie Blüten, hat der Buntschopfsalbei (Salvia viridis var. Comata) ‚Pink Sundae‘, der aus Samen rasch zu einer stattlichen Pflanze heranwächst und sich selbst aussät.

Rot strahlt Kraft aus, Energie und Wärme. Mit Rot kann man einfach nichts falsch machen. Die Farbe steht für die Liebe, die wohl symbolträchtigste Blume ist die rote Rose. Im Beet kann das die Sorte ‚Lili Marleen‘ sein, samtig, feurig und leicht duftend. Aber auch unter den Dahlien gibt es die perfekte Rotblütige: ‚Bishop Llandaff‘, eine Seerosendahlie, trägt Knallrot auf bräunlichen Stängeln – ein Farbfleck für die späte Saison, denn die Dahlie bleibt bis zum Herbst schön. Weniger schrill, beinahe schokoladenbraun ist ihre Verwandte, die Dahlie ‚Karma Choc‘ die unermüdlich von Juli bis Oktober blüht. Warmes Burgunderrot steuert die Witwenblume (Knautia macedonica) ‚Mars Midget‘ bei, eine samtig-braunrote Farbe die Sonnenblume (Heliathus annuus) ‚Red Sun‘. Sie wächst innerhalb weniger Monate aus einem Samenkorn zu einer schulterhohen Blume heran, die auch in der Vase eine gute Figur macht.

Orange dagegen drängt sich auf. Eine Farbe, die unmittelbare Nähe erzeugt. Was so leuchtet, springt ins Auge. Aber es strahlt auch Wärme aus und Energie. Orange wird entweder sparsam eingesetzt oder en masse in einer „Hot Border“ – einem Beet, in dem die Blütenfarben lodern. Zu den knalligsten Tönen gehören das Neonorange des Kalifornischen Goldmohns, aber auch der Tagetes tenuifolia ‚Tangerine Gem‘: Einjährig nach dem Frost ausgesät blühen ihre Sämlinge bereits im Mai, wenn sie nicht von den Schnecken dezimiert werden.

Die geheimnisvollste Farbe

Knallig, billig, noch aufdringlicher als Orange: Gelb gehört nicht zu den beliebtesten Farben – manche Gärtner lehnen gelbe Blüten rundheraus ab. Dabei kann Gelb freundlich wirken, wach machen, aufhellen und strahlen wie die Sonne, zum Beispiel der Echte Alant (Inula helenium) oder Rudbeckien. Gelb-Anfänger versuchen es vielleicht erst einmal mit den zarten Tönen, wie sie die zitronige Kosmee (Cosmos bipinnatus) ‚Xanthos‘ hervorbringt. Wo sie im März ausgesät wird, blüht sie von Juni bis zum Herbst. Die Baptisia ‚Lemon Meringue‘ trägt von Mai an klare, zitronengelbe Blüten an dunkelgrünen Stängeln. Ähnlich zurückhaltend, zumindest die Farbe betreffend, ist die Giraffenskabiose oder auch Riesen-Schuppenkopf (Cephalaria gigantea), deren Blütenköpfe mal gelblich, mal eher weiß wirken. Die Staude wird bis zu zwei Meter hoch; sie überragt alles, bleibt dabei aber äußerst zierlich. Der Gelbe Affodill (Asphodeline lutea) gehört ebenfalls zu den Angenehmen mit seiner reichen Blütentraube, an der sich später im Jahr interessant geformte Samenstände entwickeln. Wo er sich wohl fühlt, gedeiht er von ganz allein. Weiß zählt zu den gefragtesten, wenn auch unbunten Farben bei Blüten.

Weiß steht für Reinheit, gilt als garantiert unkitschig und leicht zu kombinieren. Und doch: Der weiße Garten Vita Sackville-Wests in Sissinghurst ist viel kopiert, aber selten wirklich gelungen. Es muss ja auch nicht gleich ein ganzer Garten sein. Weiße Akzente bringen Leichtigkeit, zum Beispiel Präriekerzen (Gaura lindheimeri) oder Herzblättriger Meerkohl (Crambe cordifolia). Ungewöhnlich ist die Kaphyazinthe (Galtonia candicans), eine Zwiebelpflanze aus Südafrika, die im Sommer weiße, duftende Glöckchen an meterhohen Stängeln trägt. Sie braucht einen durchlässigen Boden, damit sie den Winter bei uns möglichst unbeschadet übersteht. Eine weiße Form der üblicherweise violetten Duftnesseln ist die Agastache rugosa ‚Alabaster‘, die auch im Halbschatten zurechtkommt. Etwas wilder und zerzaust sieht ein weißer Wiesenknopf mit hängenden Blütenköpfchen aus, Sanguisorba tenuifolia ‚Alba‘.

Schwarz ist die geheimnisvolle Farbe. Der größte Kontrast zu Weiß, ebenfalls unbunt, in der Theorie. Denn praktisch gibt es, wenngleich oft behauptet, kaum ein reines Schwarz bei den Pflanzen. Am nächsten kommt ihm wohl das Rosettendickblatt (Aeonium arboreum) ‚Zwartkop‘. In voller Sonne werden die Blätter tatsächlich so dunkel, dass sie schwarz glänzen. Die Sukkulente kann hierzulande aber nur in den warmen Monaten nach draußen, da sie sonst erfriert. Der Schwarze Schlangenbart (Ophiopogon planiscapus ‚Niger‘) hat einen matten, kühlen Farbton. Er wird gerne an den Beetrand gepflanzt, denn er ist niedrig und hat längliche Blätter, die an Halme erinnern. Doch so interessant eine schwarze Pflanze sein mag, wirklich geheimnisvoll wirkt sie selten. Richtig zur Geltung kommt sie erst durch Kontrast, etwa mit den rosa Blütenständen, die beim Schlangenbart im Hochsommer erscheinen. Schön, wenn dann doch ein bunter Hauch im Schwarz erscheint, wie bei der Tulpe ‚Queen of the Night‘ – je nach Lichteinfall wirken ihre Blütenblätter dunkelviolett.

Doch auch Grün ist nicht nur dem Laub vorbehalten: Schon bald im neuen Jahr blüht die Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus), deren Name – der vom Geruch der Blätter stammt – nicht davon abhalten sollte, sie in den Garten zu holen. Denn die hängenden Blüten haben ein klares Hellgrün, das zur Winterzeit die Stimmung deutlich heben kann. Das Pendant im Sommer ist die Muschelblume (Molucella laevis). Es ist nicht ganz leicht, sie aus Samen zu ziehen, doch wenn es gelingt, stehen im August spektakuläre Ähren voller kleiner grüner Trichter im Beet.

Erstveröffentlichung: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.01.19
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