Green
Efficiency
by
Metten.

'Nachhaltigkeit zwischen Phrase und Notwendigkeit'

Warum es für die Baustoffindustrie keine Alternative gibt -
von Dr. Michael Metten. Erschienen im "Baustoffmarkt" 9/2011.

Wie groß ist eigentlich Ihr Fußabdruck? Diese Frage vermuten Sie wahrscheinlich - trotz der etwas eigenwilligen Formulierung - bisher nur im Schuhgeschäft. Tatsächlich aber gehe ich davon aus, dass wir uns mit dieser Frage in Zukunft im normalen Geschäftsalltag beschäftigen werden. Gemeint ist nämlich nicht Ihre Schuhgröße, sondern der „Ökologische Fußabdruck".

Dieser Ökologische Fußabdruck erfasst fast alle Ressourcen, die für den Alltag benötigt werden, und zeigt auf, welche Fläche benötigt wird, um die entsprechende Energie und Rohstoffe zur Verfügung zu stellen. Im Oktober 2010 hat der WWF im „Living Planet Report" den Verbrauch der Erde nach Nationen dargestellt. Das Ergebnis ist vernichtend: Würden alle Menschen leben wie wir, bräuchten wir 2,8 Erdbälle! Der deutsche Fußabdruck ist 5,09 Hektar groß - der „gerechte" Ökologische Fußabdruck liegt bei 1,9 Hektar. Und genau so, wie man theoretisch für jeden einzelnen Bewohner unseres Planeten den entsprechenden Fußabdruck berechnen kann, lässt sich dies natürlich auch für jedes einzelne Produkt ermitteln.

Im Prinzip wissen wir alle schon lange, dass wir im Umgang mit unseren Ressourcen vorsichtiger und zurückhaltender sein müssen. Nur handeln wir auch entsprechend? Klar, viele achten beim Einkaufen auf Bio-Siegel, demnächst kommt eine Energie-Ampel beim Autokauf als ökologische Entscheidungshilfe hinzu, die wir vielleicht mal mehr und mal weniger beachten, aber was bedeutet nachhaltiges und umweltschonendes Handeln eigentlich konkret? Der Begriff „Nachhaltigkeit" ist zunehmend in Mode. Jedes Unternehmen behauptet mittlerweile von sich, es würde nachhaltig wirtschaften und handeln. Entscheidend ist aber, dass der Begriff nicht lediglich einem vermeintlich schlechten Gewissen oder dem Marketing dient, sondern dass wir uns alle unserer Verantwortung stellen und unser tagtägliches Handeln darauf abstimmen.

Ökologisches Bauen, Greenbuilding und viele weitere ähnliche Begriffe werden unsere Branche in den kommenden Jahren massiv beschäftigen. Politik und Gesellschaft haben längst erkannt, dass es allein mit ein paar Energiesparlampen nicht getan ist. Ökologische Konzepte werden die Bauvorhaben der Zukunft nicht nur prägen, weil aufgrund des Ressourcenverbrauchs die Preise steigen, sondern sich auch in vielen Köpfen ein neues Verantwortungsbewusstsein bemerkbar macht. Für die Baustoffindustrie stellt sich somit nicht die Frage, ob sie sich diesen veränderten Rahmenbedingen und Gegebenheiten anpassen wird, sondern wie schnell?

Die Entscheidung der Konsumenten für oder gegen ein Produkt wird immer mehr davon abhängen, wo und unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde. Dass derartige Kriterien Einfluss auf die Konsumentscheidung der Kunden haben, zeigt sich beispielsweise in Folge der medialen Berichterstattung über Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen, die Imageschäden bei der Drogeriemarktkette Schlecker in Folge der Mitarbeiterführung oder als positives Beispiel die wachsende Bedeutung der Slow-Food-Bewegung, die die Herkunft und die Anbauarten regionaler Lebensmittel in den Fokus rückt. Stärker noch als bisher werden zukünftig die ökologischen Eigenschaften von Bedeutung sein. Oder anders formuliert: Wie groß ist der ökologische Fußabdruck eines Produktes? Letztlich läuft dies auf die Frage hinaus: Wie können wir unsere Lebensweise und unser Fortschrittsverständnis mit der notwendigen Schonung der natürlichen Ressourcen in Einklang bringen?

Es sind die Unternehmen, die die größte Chance haben, einen positiven Beitrag zur Nachhaltigkeit und somit zum Erhalt unserer natürlichen Lebensressourcen zu leisten. Während Regierungen sich aus Rücksicht auf die verschiedensten Interessengruppen damit schwertun, können Unternehmen schneller Dinge verändern. Hierin liegt nicht zuletzt für die Unternehmen der Baustoffindustrie und des Baustoff-Fachhandels eine Chance zur Profilierung und Differenzierung.

Für unser Unternehmen haben wir im Jahr 2009 unter dem Oberbegriff „Green Efficiency" ein ambitioniertes und umfassendes Maßnahmenprogramm ins Leben gerufen. Die detaillierte Auseinandersetzung mit der Fragestellung der Nachhaltigkeit zeigt, dass sich ökologische Aspekte und ökonomische Interessen nicht ausschließen - im Gegenteil: Effizienzsteigerung unter „grünen" Vorzeichen bedeutet für uns die sinnvolle und unabdingbare Kombination von Profitabilität und Nachhaltigkeit. Ein erheblicher Teil unserer Produktionskosten für die Herstellung von Betonsteinen entfällt auf den nötigen Energieverbrauch. Steigende Energiekosten und die zunehmende Besorgnis über den Klimawandel machen es heute mehr denn je erforderlich, den Energiekonsum und den Anteil fossiler Brennstoffe kontinuierlich zu verringern. Hierzu bedarf es klar formulierter Leitsätze, geeigneter Systeme zur Steuerung des Energieverbrauchs und nicht zuletzt entsprechende Investitionen. In unserem unternehmensweiten Energieeffizienzprogramm haben wir Zielwerte zur Reduktion der Treibhausgasemission definiert: Bis zum Jahr 2018 werden wir den CO2-Ausstoß in unserem Unternehmen um 20 % reduzieren.

Eine nachhaltige Betonsteinproduktion umfasst jedoch nicht nur ein effizientes Energiemanagement, sondern muss bereits bei der Auswahl der Rohstoffe sowie der Beschaffungslogistik ansetzen: Für unsere Betonsteine verwenden wir natürliche Rohstoffe, die zu 90 % von Steinbrüchen und Lieferanten aus einem Umkreis von weniger als 150 km stammen, und vermeiden somit lange Transportwege. Wir nutzen Wasser aus eigenen Brunnen, das innerhalb des Werkes aufbereitet und mehrfach wiederverwertet wird. Wir beziehen sauberen Strom, für dessen Gewinnung bis zu 41 % weniger CO2 freigesetzt wird als im bundesweit durchschnittlichen Energiemix. Mehr als 50 % dieses Stroms stammt aus erneuerbaren Energien wie Biomasse, Wasser, Wind und Sonnenenergie. Vor allem zeigt sich Nachhaltigkeit jedoch in der Lebensdauer der Produkte: So liegt beispielsweise am Kölner Neumarkt - mit rund 20 Millionen Passanten pro Jahr einer der meistfrequentierten Plätze Deutschlands - seit 22 Jahren unser „La Linia"-Pflaster. Ausnahmslos alle unsere Produkte können am „End of life" recycelt und einer neuen Nutzung zugeführt werden. Anerkannte Zertifikate belegen ihre Umweltverträglichkeit.

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Peter F. Drucker hat den Managementgrundsatz aufgestellt: „Was man nicht messen kann, kann man nicht lenken." Damit die von uns ergriffenen Maßnahmen für unsere Kunden transparent und nachvollziehbar werden, arbeiten wir derzeit an der Bestimmung des ökologischen Fußabdruckes in Form eines Kohlendioxidpasses. Der Kohlendioxidpass wird zeigen, welche Gesamtmenge an Treibhausgasen durch das einzelne Produkt in seinem Lebenszyklus emittiert wurde.

„Ökologie, Nachhaltigkeit, Identität, Sinnstiftung - diese neuen gesellschaftlichen Werte können der Architektur und uns allen wieder Zukunftsperspektive eröffnen", pointierte einer der renommiertesten Architekten unserer Zeit, Meinhard von Gerkan, beim 23. Metten-Forum für Freiraum-Gestaltung. Eine Baukultur, die diesen Werten nicht folgt, ist seines Erachtens charakterlos. „Widerstandsfähigkeit, Langlebigkeit, Alterung mit Würde, Patina als Wertsteigerung bedeuten die Verwendung werthaltiger, zumeist natürlicher Werkstoffe, sorgfältiger, konstruktiver und gestalterischer Details und eine adäquate, handwerkliche Ausführung, diese Art von Nachhaltigkeit rechnet sich langfristig immer." Letztlich eröffnet die Fokussierung auf die Nachhaltigkeit eine Rückbesinnung auf die zentralen Werte der deutschen Baukultur - Bauen fürs Leben!

Wenn wir die Herausforderungen unserer Zeit im Hinblick auf eine nachhaltige Wirtschaft ernst nehmen, ist der Umfang der Herausforderung und der Chancen gewaltig. Es bedarf mutigen Handelns, klarer Ziele und der Erkenntnis, dass Lebensqualität neben dem Einkommen nicht zuletzt durch immaterielle, soziale und persönliche Elemente bestimmt wird. Und es ist nicht zuletzt das Wissen, dass wir alles daran gesetzt haben, dass unsere ökologischen Spuren so klein geworden sind, dass auch nachfolgende Generationen auf dieser Erde in und mit einer faszinierenden, wunderbaren Umwelt leben können.