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„Der erste Kohlrabi hat mich überfordert“

Judith Rakers Teaser

Die Fragen stellte Christine Dohler.

Frau Rakers, haben Sie heute Morgen schon ein Ei von Ihren eigenen Hennen zum Frühstück gegessen?

Ich war noch gar nicht im Hühnerstall, denn ich hatte gestern Abend die Spätschicht bei der „Tagesschau“ und war erst um halb drei im Bett. Ich habe es vor unserem Gespräch gerade mal geschafft, einen Jogger anzuziehen und mir einen zweiten Kaffee zu kochen. Gut, dass es sich um keinen Video-Call handelt. Aber normalerweise haue ich mir morgens gern ein noch warmes Bio-Ei meiner Hühner in die Pfanne. Ein wahnsinnig beglückendes Gefühl!

Wie viele Hühner leben denn aktuell bei Ihnen im Garten?

13. Es waren auch schon 16, aber drei sind leider vom Habicht geholt worden. Zwei lagen tot im Gehege, schrecklich ausgeweidet, und eins war weg. Meine kleine Antje, ein besonders zierliches holländisches Hauben-Küken, hat der Greifvogel vermutlich einfach weggetragen. Ich hoffe immer noch, dass sie irgendwann wieder kommt, groß und stark, weil sie nur ausgesetzt und nicht gefressen wurde. Aber ich glaube, die Hoffnung kann ich langsam aufgeben.

Oje, das Drama habe ich auf Instagram verfolgt. Und wie Henne „Schatzi“ Mutter wurde…

Tatsächlich ist das Hühnerprojekt etwas eskaliert. Ich wollte ursprünglich nur vier weibliche Hühner, die den bereits von den Vorbesitzern gebauten Hühnerstall auf meinem Grundstück beleben sollten. Dann wurde mir ein Hahn vom Züchter aufgequatscht, der die Hühner beschützen sollte. Es hieß, dass meine Hühnerrasse Dresdner selten Nachwuchs ausbrütet. Aber drei der Hennen bekamen schon bald darauf im Frühjahr Nachwuchs. Die vierte, die in der Hackordnung leider etwas hinten liegt, wollte dann am Ende des Jahres noch anfangen zu brüten. Das habe ich dann unterbunden und ihr ein Gips-Ei untergemogelt. Sonst wären die Küken mitten im Winter geschlüpft. Es war mir zu heikel, sie dann warmzuhalten. Sowohl ich als auch die Henne sind ja Anfängerinnen, wenn es um Küken geht. Aber sie kann gern im nächsten Frühjahr Mutter werden. Aus den fünf Tieren sind jedenfalls nach einem Jahr 13 geworden. Ich befürchte, das geht so weiter (lacht).

Sie haben mittlerweile sogar verschiedene Hühnerrassen auf dem Hof. Wie kam es denn dazu?

Als ich feststellte, dass hier offenbar jedes weibliche Tier Mutter werden möchte, habe ich mir Bruteier von anderen Rassen besorgt. Ich dachte, wenn hier schon wie wild Nachwuchs gezeugt wird, dann kann der zumindest schön divers sein. Glucken brüten nämlich alles und jeden aus. Die Glucke ist sehr, sehr tolerant. Da können wir Menschen etwas von ihr lernen. Es ist ihr völlig egal, welche Farbe die Eier haben oder wer da rauskommt. Wussten Sie eigentlich, dass es nicht nur weiße und beige, sondern auch bordeauxrote und türkisfarbene Eier gibt? Es existieren so viele verschiedene Hühnerrassen, die auch unterschiedlich farbige Eier legen. Mein Ziel ist es jetzt, irgendwann die ganze Palette morgens im Körbchen zu haben.

Huehner

Was sagt eigentlich Ihr Talkshow-Kollege Giovanni di Lorenzo dazu, dass Ihr erster Hahn seinen Namen trägt?

Er nimmt es amüsiert zur Kenntnis. Er war sogar hier, hat Giovanni offiziell getauft und die Patenschaft übernommen. Ich soll ihm aber nicht ständig Fotos schicken. Das habe ich wohl am Anfang etwas übertrieben. Giovanni versucht übrigens alles, dass er Chef bleibt… – also der Hahn. Er duldet keine Nebenbuhler. Ich habe nämlich mittlerweile vier Hähne.

Wenn Ihre Hühner sich weiter so vermehren – würden sie diese dann auch schlachten und selbst essen?

Gute Frage! Tatsächlich habe ich die Hühnerrasse anfangs so ausgesucht, dass ich sie theoretisch auch essen könnte. Denn nicht jede Hühnerrasse ist lecker. Ich esse Fleisch, wenn auch nicht viel, und ich achte so gut es geht darauf, dass es aus kontrollierter Bio-Haltung kommt. Und da dachte ich, dieses Hühnerfleisch aus deinem Garten könnte das ehrlichste Bio-Fleisch von allen sein: weil ich dann genau weiß, dass das Tier gesund war und ein wirklich schönes Leben hatte. Aber vierzig Minuten nachdem die Hühner bei mir eingezogen waren, wusste ich: Ich kann sie niemals essen. Als sie so fröhlich auf mich zutrabten und mir direkt aus der Hand fraßen, wurden sie vom Nutztier direkt zum Haustier. Tatsächlich habe ich aber schon eine Warteliste mit Freunden, die sich für das Bio-Fleisch aus meinem Garten interessieren. Also wenn der Tag kommen sollte, hätte ich Abnehmer.

Selbetversorger
"Ich habe im Sommer tatsächlich kein Gemüse zukaufen müssen und war autark vom Supermarkt …"

Heute sind Sie Selbstversorgerin… – war das Ihr ursprünglicher Plan?

Ich habe im Sommer tatsächlich kein Gemüse zukaufen müssen und war autark vom Supermarkt, was ja besonders heutzutage sehr praktisch ist. Das hat mich selbst überrascht, denn anfangs wollte ich nur ein wenig Gemüse anpflanzen. Die Ernte war allerdings bald sehr üppig. Es hat sich wie von selbst ein richtig kleiner Kreislauf ergeben, ohne dass ich Expertin für Permakultur bin. Ich kann die Hühner beispielsweise mit Salat aus meinem Beet füttern.

Sie hören bestimmt oft die Frage: Kostet das nicht alles viel Zeit?

Ja, sicher. Der Gedanke hat mich anfangs auch abgeschreckt. Ich bin nach wie vor viel unterwegs und kümmere mich tatsächlich allein um alles. Und deshalb weiß ich aus eigener Erfahrung: Selbstversorgung ist möglich, selbst wenn man den ganzen Tag in der Redaktion und immer mal wieder auf Reisen ist. Wenn einmal alles angelegt ist, dann wird es jedes Jahr weniger Arbeit. Wenn man berufstätig ist, können ein Gemüsebeet und ein Gewächshaus nicht nur ein Ausgleich sein, sondern sogar Zeit sparen. Ich gehörte immer zu den Menschen, die nie etwas zu Hause hatten, wenn sie mal kochen wollten. Und ich verspürte nach einem Arbeitstag kaum Lust noch einzukaufen. Oder der Supermarkt war schon geschlossen. Jetzt gehe ich fünf Minuten in den Garten und zupfe mir frischen Salat, drei Radieschen, eine Gurke und schnippele das fix zu einem bunten Salat. Es schmeckt auch noch besser.

Denken Sie, dass sich Ihr Bild in der Öffentlichkeit durch Ihr „Outing“ als leidenschaftliche Gärtnerin und Hühnerbesitzerin ändert?

Das kann schon sein, zumindest bei denjenigen, die mich nur aus der „Tagesschau“ kennen – im Blazer und stets ordentlich gekämmt (lacht). Aber besonders die Menschen im Norden wissen, dass ich wahnsinnig naturverbunden und tierlieb bin – und für jeden Spaß zu haben. Ich drehe seit vielen Jahren Reportagereihen über Pferde und die deutschen Nord- und Ostseeinseln für den NDR. Meine Freunde und Bekannte wundern sich nur darüber, dass ich nun auch koche und einmache. Mein Vater musste sogar schallend lachen, weil ich auch Rezepte in meinem Buch teile. Ich wuchs nach der Trennung meiner Eltern bei ihm auf, und es gab hauptsächlich Tiefkühlprodukte und Fertiggerichte. Fürs Kochen habe ich mich auch danach nie interessiert. Bis jetzt.

Nun kochen Sie also selbst?

Ich habe das Gemüse ja nicht angebaut, um es in die Biotonne zu werfen. Ich war gezwungen, es zu verarbeiten. Ich muss aber gestehen, als der erste Kohlrabi perfekt im Beet lag, war ich erst etwas überfordert. Was mache ich nun damit? In meiner Kindheit wurde viel gegrillt. Deswegen lege ich immer alles zuerst auf den Grill und gucke, ob das funktioniert. Beim Kohlrabi hat es das. Mittlerweile koche ich sogar Marmelade und lagere meine Vorräte in einer selbstgebauten Erdmiete. Es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, wenn ich im Winter das Apfelkompott aus dem Sommer esse. Dann erinnere ich mich automatisch an die sonnigen Tage und wie viel Freude ich beim Ernten und Einmachen hatte.

Was haben Sie im Garten über sich selbst gelernt?

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Das war die wichtigste Erkenntnis. Außerdem ist es motivierend, schnell Erfolgserlebnisse zu haben. Deswegen rate ich, mit einfachem Gemüse wie Radieschen zu beginnen und nicht gleich Tomaten ziehen zu wollen. Unerwartet kam die große Freude dazu. Ich habe wirklich richtig viel Spaß, auch weil ich oft laut über die eigenen Misserfolge und natürlich über die Hühner lachen muss.

Home Farming
HOMEFARMING
Judith Rakers
240 Seiten
GU Verlag
22,- Euro

Der Traum vom Leben auf dem Land: Judith Rakers hat es als absoluter Gartenneuling geschafft, ihn für sich umzusetzen.
Diese Freude am Homefarming möchte sie weitergeben! In diesem Buch zeigt sie ganz anfängergerecht, wie sie in ihren ersten beiden Jahren als Selbstversorgerin schrittweise vorgegangen ist, welche Erfahrungen sie gemacht hat, dass auch Fehler dazugehören, und was man daraus lernen kann.
Judith Rakers will inspirieren und Mut machen, einfach anzufangen mit der Selbstversorgung. Jeder kann das, denn dafür braucht es keinen großen Garten, und am Ende wartet das Glück!

Erstveröffentlichung: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.02.21 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv. Fotos: Gräfe und Unzer/Sebastian Fuchs