ART MEETS CONCRETE. Ein Beitrag zum Luther Jahr.

06.06.2017 Despina Sarigiannidou Werkberichte

ACHIM MOHNÉ
0,000672 MEGAPIXEL – CITIZEN TO BE SEEN FROM MARS

Bodenarbeit, 12 x 14 Meter, 672 Betonplatten, je 50 x 50 cm

Luther und die Avantgarde / 18. Mai bis 17. September 2017 / luther-avantgarde.de


Das seinerzeit „schnelle“ Medium Buchdruck ermöglichte Luther die Reformation, Edward Snowdens weltweite Enthüllungen schlugen die in seiner Gegenwart führende digitale Technologie mit ihren eigenen Waffen. Beide „Whistleblower“ hatten das Ziel, systemische Ungerechtigkeiten aufzudecken. Lucas Cranachs Luther-Portrait ist eine Ikone der Reformation, das weltweit zirkulierende Porträt Snowdens steht für den personifizierten Widerstand gegen digitale Überwachungsmethoden.

Als analoger Nachbau einer digitalen Bildstruktur ist für die Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ ein großflächiges Mosaik aus 672 quadratischen Bodenplatten entstanden, das vom Boden aus gesehen unkenntlich erscheint, im Luft- und Satellitenbild dagegen als gepixeltes Porträt Edward Snowdens erkennbar ist. Die 672 „Bildpunkte“ – je 50 x 50 cm, insgesamt 12 x 14 Meter – entsprechen dabei der digitalen Kameraauflösung von nur 0,000672 Megapixeln. Die Bodenarbeit, die in keiner geometrischen Beziehung zu ihrer Umgebung zu stehen scheint, ist tatsächlich exakt nach Norden ausgerichtet, damit sie auf dem Raster virtueller Karten rechtwinklig erscheint.

Das Bild der „persona non grata“ wird im analogen Low-tech-Format von digitalen Filtern nicht erkannt, doch in den Datenbestand virtueller Globen wie Google Earth oder Apple Maps eingeschleust und dort weltweit verbreitet. Sowohl die parasitäre Fremdnutzung des Distributionsprozesses als auch die Umkehrung des fotografischen Apparates folgt Methoden künstlerischer Zweckentfremdung, die im Umgang mit neuen Medien entwickelt wurden.

„Whistleblower“ stellen heute ein wichtiges Regulativ demokratischer Gesellschaften dar. Digitale Miniaturisierung ermöglicht Operationen im Geheimen, die oft entgegen bestehenden demokratischen Rechten angewandt werden. Dies wird ungeniert betrieben, da die Akteure unkontrolliert walten können. Solche Machenschaften aufzudecken ist meist nur Insidern und Experten möglich.

Die wichtigen Veränderungen einer durch und durch technisierten Gesellschaft werden im digitalen Zeitalter nicht mehr wie in vorigen Zeitaltern durch Theologen, Geisteswissenschaften, Künstler oder Politiker, sondern heute in besonderem Maß auch von Technikern angestoßen, die als Einzige noch fähig sind, die komplexen Vorgänge (wenigstens teilweise) zu analysieren. „Whistleblowing“ wird zukünftig noch größeres Gewicht haben. Machthaber müssen es mehr und mehr fürchten. Hierzu sind nach wie vor Menschen nötig, die bereit sind für die Verteidigung humanistischen Werte einen hohen Preis zu zahlen.

Nach einem Update auf Google Earth oder Apple Maps wird Edward Snowden – zumindest digital und virtuell – wieder nach Amerika zurückkommen können.

Sehr gerne haben wir mit unseren Palladio®-Steinen die Arbeit von Achim Mohné unterstützt.